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Organisationen und Verbände: Fachlichkeit statt Diffamierung von minderjährigen Geflüchteten

Ein Appell von Fachverbänden der Jugendhilfe, Freier Wohlfahrt und Menschenrechtsorganisationen setzt sich mit diesem Appell für die Rechte von unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten ein. Sie fordern Fachlichkeit statt Diffamierung und erwarten eine Rückkehr zu rechtsbasierter Diskussion und Entscheidung.

In ihrem Appell sprechen sich 54 Organisationen und Verbände zu einem Ende der Diskreditierung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen aus. Außerdem appellieren sie gegen die geplanten Gesetzesvorhaben und die Änderungen in der Praxis und fordern die politisch Verantwortlichen dazu auf, zu einer sachlichen Diskussion zurückzukehren.

Der gemeinsame Appell im Wortlaut

Fachlichkeit und rechtsbasierte Diskussionen und Entscheidungen

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind in erster Linie Kinder, ihr Schutz und ihre Förderung obliegt der Kinder- und Jugendhilfe. Jede rechtliche Konstruktion, die das in Frage stellt, jede Forderung, die ordnungspolitische Interessen über die Rechte von Kindern stellt, lehnen wir ab. Zunehmend stellen einige Politiker/-innen und Journalist(inn)en Schutzsuchende pauschal als Kriminelle dar und scheuen sich auch nicht, Kindern und Jugendlichen, die allein geflüchtet sind, niedere Beweggründe zu unterstellen. Auch deshalb dreht sich der öffentliche Diskurs immer stärker um eine nur scheinbar notwendige verstärkte Ordnungspolitik. Dass geflüchtete Minderjährige Kinder sind, deshalb besonderen Schutz brauchen und Rechte haben, wird nicht mehr als rechtliche Verpflichtung und gesellschaftsvertragliche Selbstverständlichkeit gesehen, sondern als Minderheitenmeinung diskreditiert. Wir wehren uns dagegen und setzen uns für Fachlichkeit und rechtsbasierte Diskussionen und Entscheidungen ein.

Junge Geflüchtete sind Zielgruppe der Kinder- und Jugendhilfe

Die Kinder- und Jugendhilfe ist als integratives und inklusives Konzept für alle Kinder und junge Menschen zuständig und unterstützt diese bei ihrer Entwicklung zu eigenverantwortlichen Persönlichkeiten. Dabei tritt sie Benachteiligungen entgegen und fördert die Chancengleichheit für alle Kinder und jungen Menschen. Konstruktionen von Fremdheit und Exklusion haben in der Kinder- und Jugendhilfe keinen Platz – im Gegenteil diversifizieren sich ihre Strukturen, um sich der Vielfalt ihrer Adressat(inn)en zu öffnen. Wir werden nicht zulassen, dass geflüchtete junge Menschen ausgeschlossen werden! Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aber auch geflüchtete junge Volljährige sind ein Teil der Zielgruppe der Kinder- und Jugendhilfe. Dieser Fortschritt, für den sich viele engagierte Menschen jahrelang eingesetzt und gestritten haben, droht jetzt durch die Einführung der sogenannten AnKER-Zentren, durch Änderungen bei den Verfahren zur Alterseinschätzung wie bspw. in Baden-Württemberg und ggf. auch bei einer möglichen SGB VIII-Reform wieder rückgängig gemacht zu werden.

Erfolgreiche Integration ist möglich

Der Alltag der Kinder- und Jugendhilfe zeigt immer wieder aufs Neue, dass eine erfolgreiche Integration der jungen Menschen möglich ist. Das gelingt in erster Linie durch die Bemühungen der Jugendlichen selbst, aber auch durch das Engagement der Fachkräfte der Kinder- und Jugendhilfe, der beteiligten Verwaltungen und Organisationen und aufgrund der hohen fachlichen Qualität und Nachhaltigkeit der Jugendhilfe, wie bereits in Studien dargelegt. Allerdings werden deren Erfolge in der Arbeit mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen durch den momentanen politischen Diskurs und die polarisierende öffentliche Debatte in Frage gestellt und schlecht gemacht: Die kriminellen Taten einiger weniger junger Flüchtlinge überlagern dabei die Wirklichkeit und die Erfolge der großen Mehrheit. Das Fehlverhalten Einzelner rechtfertigt und legitimiert keine verleumdenden Diffamierungen einer ganzen Gruppe oder gar ihren Ausschluss aus staatlicher Fürsorge. Wer eine strafbare Handlung begeht, kommt vor Gericht. Wer zufälligerweise aufgrund rechtlicher Definitionen zum gleichen Personenkreis zählt, darf nicht aufgrund der Taten anderer beurteilt werden.

Weg in ein eigenverantwortliches Leben

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kommen nach Deutschland, weil sie vor individuellen Bedrohungen, durch Krieg, Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung, Zwangsrekrutierung, religiöser Verfolgung, Zwangsprostitution, sexualisierter oder politischer Gewalt oder vor Perspektivlosigkeit fliehen. Wie andere Kinder und Jugendliche, die von der Jugendhilfe unterstützt werden, haben sie schwierige Lebenswege hinter sich und große Herausforderungen vor sich. Ihnen allen ist gemein, dass sie im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe allein nach ihrem individuellen Bedarf mit Blick auf die passende Unterstützung beurteilt werden. Rechte, Bedürfnisse und Potentiale von Kindern und Jugendlichen wahr und ernst zu nehmen, ist Grundlage, damit ihr Weg in ein eigenverantwortliches Leben gelingen kann. Für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrungen gilt nichts anderes. Diesen Weg wollen und werden wir deshalb weiter mit ihnen beschreiten.

Gemeinsam fordern wir Sie auf, sich bei den angekündigten Gesetzesvorhaben und Änderungen in der Praxis für Sachlichkeit und fachlich basierte Diskussionen einzusetzen. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gehören in die Kinder- und Jugendhilfe. Sie dürfen nicht zum Spielball kurzfristiger politischer Machtinteressen gemacht werden.

Liste der unterzeichnenden Organisationen

Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF)

Amadeu Antonio Stiftung  

Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe

Ärzte der Welt

AWO Bundesverband e. V.

borderline-europe – Menschenrechte ohne Grenzen e. V.

Bundesarbeitsgemeinschaft Evangelische Jugendsozialarbeit e.V

Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge e.V.

Bundesnetzwerk Ombudschaft in der Kinder- und Jugendhilfe

Bundesverband katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen e.V.

Careleaver e.V.

Der Paritätische Gesamtverband e.V.

Deutsche Gesellschaft für ambulante allgemeine Pädiatrie

Deutscher Bundesjugendring

Deutscher Caritasverband e.V.

Deutscher Frauenrat

Deutscher Kinderschutzbund Bundesverband e.V.

Deutsches Kinderhilfswerk

Diakonie Deutschland

ECPAT Deutschland e.V.

Evangelischer Erziehungsverband e.V.

Flüchtlingsrat Hessen

Flüchtlingsrat Berlin

Flüchtlingsrat Brandenburg

Flüchtlingsrat Bremen

Flüchtlingsrat Baden-Württemberg

Flüchtlingsrat Bayern

Flüchtlingsrat Niedersachsen

Flüchtlingsrat NRW

Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein

Flüchtlingsrat Sachsen

Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt

Flüchtlingsrat Mecklenburg-Vorpommern

Flüchtlingsrat / AK Asyl Rheinland-Pfalz

Flüchtlingsrat Saarland

Flüchtlingsrat Hamburg

Flüchtlingsrat Thüringen

Institut für Sozial- und Organisationspädagogik – Uni Hildesheim

Internationale Gesellschaft für erzieherische Hilfen e.V.

Jugendliche ohne Grenzen

JUMEN e.V. - Juristische Menschenrechtsarbeit in Deutschland

Kindernothilfe

Kompetenzzentrum Pflegekinder

Lesben- und Schwulenverband in Deutschland e. V.

National Coalition Deutschland – Netzwerk zur Umsetzung der UN - Kinderrechtskonvention

Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge in Niedersachsen e.V.

Nürnberger Menschenrechtszentrum e.V.

Ökumenische Bundesarbeitsgemeinschaft Asyl in der Kirche e.V.

Outlaw. die Stiftung

Pro Asyl

Republikanischer Anwaltsverein

terre des hommes Deutschland e.V.

Verband binationaler Familien und Partnerschaften, iaf e.V.

Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V.

 

Quelle: Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe, Deutscher Caritasverband e.V. sowie AWO Bundesverband e.V. vom 22.08.2018